Hirnforscher Gerald Hüther über die Auswirkungen des Lockdowns auf Kinder

30.04.2021

Der Hirnforscher Gerald Hüther warnt vor dramatischen Konsequenzen der Corona-Schutzmaßnahmen für die soziale und neurobiologische Entwicklung von Kindern.

Junge Menschen unterdrückten seit fast einem Jahr massiv ihre tiefsten Bedürfnisse, sagte Hüther im Deutschlandfunk. Dieser Zeitraum sei für ein siebenjähriges Kind etwa so lang wie zehn Jahre für einen siebzigjährigen Menschen. Das habe auch Veränderungen im Gehirn zur Folge. Wenn Kinder über eine längere Zeit gegen innere Bedürfnisse ankämpften - etwa jemanden in den Arm zu nehmen, zu spielen oder sich zu bewegen - dann würden die Motivationszentren im Hirn mit hemmenden Verschaltungen geradezu eingekapselt. Damit sei das Bedürfnis nicht mehr spürbar.

Kinder versuchten, den Erwachsenen alles recht zu machen, sei es Abstand zu halten oder die Großmutter nicht in den Arm zu nehmen. Nach einer gewissen Zeit gewöhnten sie sich daran, und verspürten auch den Wunsch nach einer Umarmung nicht mehr. Diese Entwicklung sei nicht ohne weiteres reparabel. Das gelte auch generell für die Freude am Zusammensein mit anderen Menschen sowie am spielerischen Lernen, die Kinder vor allem in Schule und Kindergarten entwickelten. Durch die Kontaktbeschränkungen und Schulschließungen sei ihnen dieses wichtige Lernfeld genommen. Vielmehr zeige sich in der Pandemie, dass Schulen in den Augen der Gesellschaft vor allem die Aufgabe erfüllten, Kinder aufzubewahren, damit die Eltern zur Arbeit gehen könnten, unterstrich Hüther.
Er habe große Sorge, dass in der Pandemie eine Generation junger Menschen heranwachse, die die eigene Lebendigkeit als Kind nicht mehr erfährt und sich später auch nicht mehr daran erinnern könne.

Mit Blick auf das Homeschooling sagte Hüther, es gebe zwar fantastische Online-Lernprogramme. Die seien aber nur für diejenigen Kinder sinnvoll, die ohnehin ein Interesse mitbrächten, sich Wissen anzueignen. Kinder ohne einen solchen Zugang benötigten dagegen den persönlichen Kontakt zu einer Bezugsperson - etwa engagierte Lehrer - die ihnen helfen, dieses Interesse zu entwickeln.

Diese Nachricht wurde am 24.01.2021 im Programm Deutschlandfunk gesendet.